Aus der Perspektive einer Gehörlosen

Die beiden Autorinnen Anna Folchi und Sara Trovato besuchen auf ihrer Lesereise durch Deutschland am 02. November die Hochschule Landshut. Interessierte sind eingeladen, an der Lesung sowie am anschließenden Publikumsgespräch um 19 Uhr teilzunehmen.

Wie steht es um die soziale Lage von gehörlosen Menschen in Europa? Wie verhält sich die hörende Gesellschaft ihnen gegenüber? Und welche Rolle spielt die Sprache bei der Machtausübung von Mehrheiten? In ihrem Buch „The Social Condition of Deaf People. The Story of a Woman and a Hearing Society”, das in der Reihe “Sign Languages and Deaf Communities” erschienen ist, beschreiben die beiden Autorinnen Anna Folchi und Sara Trovato autobiographische Aspekte aus dem Leben von Folchi, die selbst gehörlos ist, und kombinieren diese mit grundlegenden Überlegungen zu Sprache, Bildung, Beruf, Politik und Kultur. Auf einer Lesereise durch mehrere deutsche Städte stellen die Autorinnen ihr Buch vor und besuchen unter anderem auch die Hochschule Landshut.

Anlässlich dieses Besuchs lädt der Studiengang Gebärdensprachdolmetschen alle Interessierten zur Lesung mit anschließender Diskussion ein, um sich mit den Autorinnen auszutauschen. (Dolmetscherinnen und Dolmetscher stehen bereit.) Die kostenlose Veranstaltung findet am 02. November um 19 Uhr im Raum G0 07 statt, Einlass ist ab 18:30 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

„Wir freuen uns sehr, Anna Folchi und Sara Trovato an der Hochschule Landshut zu begrüßen“, erzählt Prof. Dr. Uta Benner, Leiterin des Studiengangs Gebärdensprachdolmetschen an der Fakultät Interdisziplinäre Studien. Es sei wichtig, die Perspektive einer gehörlosen Frau kennenzulernen. Denn diese repräsentiere, wie es im Klappentext des Buches heißt, eine Minderheit, von der wir nicht einmal ahnen, dass wir Macht über sie haben, die uns ihrerseits aber beobachtet. Dabei verweist der Verlag De Gruyter Mouton auf Michel Foucault, der den Mächtigen als den Betrachter beschreibt, der nicht gesehen wird. So üben Mehrheiten Macht über Minderheiten aus, indem sie das Umfeld und die Institutionen beeinflussen, die das Leben vereinfachen oder behindern, wie die Sprache, Denkweisen, Repräsentationen, Normen und die Ausübung von beruflicher Macht.

Diskussion über Ungleichheiten, Förderung und Fortschritte

Auf der Grundlage von Daten, die von Eurostat gesammelt wurden, behandelt dieser Band Statistiken über die Situation von Gehörlosen in einer Reihe von europäischen Ländern, insbesondere was die Themen Bildung, Arbeit und Geschlecht betrifft. Dies schaffe eine neue Möglichkeit, Ungleichheiten auf der Grundlage von Daten zu diskutieren. Die Fallstudien in diesem Band rekonstruieren Momente großen Fortschritts in der Geschichte der Gehörlosen, erfolgreiche Didaktik zur Förderung der Zweisprachigkeit sowie die Gründe, warum Empowerment von und für Gehörlose erfolgreich ist oder nicht. So sei die Arbeit daran besonders wirksam, wenn sie auf einer doppelten Ebene wirkt: auf der Ebene der zu stärkenden Gemeinschaft und auf der Ebene der Gesellschaft insgesamt, was zu einer Veränderung der Gesellschaft als Ganzes führe. Mit ihrem Buch zeigen die Autorinnen Instrumente, um auf einen solchen Wandel hinzuarbeiten.

Buchreihe über das Thema Gebärdensprachen

Der Band ist Teil der Reihe „Sign languages and deaf communities“, die sich dem Thema Gebärdensprachen auf vielfältige Weise widmet und deckt verschiedene Dimensionen der Gebärdensprachforschung und deren Beziehung zu Gehörlosengemeinschaften in der ganzen Welt ab. Damit bietet der Verlag eine interdisziplinäre Plattform für innovative und herausragende Forschung in der Gebärdensprachlinguistik. So zielt die Buchreihe darauf ab, das Studium der Gebärdensprachen mit aktuellen Trends in der modernen Linguistik zu verknüpfen, beispielsweise mit neuen Untersuchungen, der Bedeutung der Sprachgefährdung oder den Auswirkungen technologischer Entwicklungen auf die Datenerhebung und die Gehörlosenbildung.

Hinweis: Für die Veranstaltung stehen Dolmetscherinnen und Dolmetscher zu Verfügung.

Foto: Anna Folchi

 

Abb1.: Die gehörlose Autorin Anna Folchi arbeitete als Lehrerin und Ausbilderin im Bereich der italienischen Gebärdensprache. Heute ist sie als Forscherin und Publizistin im Bereich der Geschichte, Kultur und Sprache von Gehörlosen tätig, engagiert sich als kulturelle Aktivistin und bietet Seminare an. Zudem organisiert sie eine Gruppe von gehörlosen Frauen, die sich für die Verbesserung der Lebensqualität von Frauen einsetzt.

 

Foto: Sara Trovato

Abb2.: Sara Trovato arbeitet derzeit am Italienischen Kulturinstitut in Paris, an der Università Bicocca Milano und an der Università Statale Milano. Zudem forscht sie seit langem im Bereich der Gehörlosenforschung. Sie ist Expertin für Sprachunterricht und hat an verschiedenen Universitäten und in der Lehrerausbildung gearbeitet. Darüber hinaus schreibt sie italienische Bücher für ausländische Studierende, gehörlose Studierende, Lehrer*innen und hörende Studierende, welche die italienische Gebärdensprache lernen wollen.  

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