„Coronavirus muss trotz Lockerungen ernst genommen werden“

OB Putz und Landrat Dreier mahnen zu Eigenverantwortung

Hohe Zahl infizierter Patienten auf Normalstationen und pandemiebedingt angespannte Personalsituation führt regionale Krankenhäuser erneut an die Kapazitätsgrenze

Trotz der nach wie vor sehr hohen Infektionszahlen haben Bund und Länder zum 20. März die Infektionsschutzmaßnahmen gegen das Coronavirus SARS-Cov-2 deutlich gelockert. So fielen unter anderem Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte ebenso weg wie Kapazitätshöchstgrenzen für Kultur- und Sportveranstaltungen. Darüber hinaus sind nun auch Volksfeste – zum Beispiel die schon für die kommenden Wochen geplanten Starkbierfeste – wieder erlaubt. In vielen Krankenhäusern sorgen diese Entscheidungen der Bundes- und Landespolitik für Kopfschütteln. Denn wegen der hohen Zahl coronainfizierter Patienten sowie der vor allem pandemiebedingt stark angespannten Personalsituation arbeiten zahlreiche Kliniken nach wie vor an oder sogar über der Kapazitätsgrenze. Das gelte auch für die Krankenhäuser in der Region Landshut, sind sich Oberbürgermeister Alexander Putz und Landrat Peter Dreier einig und mahnen daher zu Vorsicht: „Das Coronavirus muss trotz der Euphorie über die Lockerungen und bei aller verständlichen Vorfreude auf die nun wieder möglichen Feste, die viele von uns herbeigesehnt haben, weiter ernst genommen werden.“ Es gehe darum, Eigenverantwortung wahrzunehmen und die Zahl der Neuinfektionen so zumindest nicht noch höher ansteigen zu lassen. „Sonst laufen wir Gefahr, das Gesundheitssystem in unserer Region doch noch zu überlasten.“

In der Tat sei die Lage in den drei Akutkrankenhäusern der Region, also im Klinikum Landshut sowie den LAKUMED-Kliniken Achdorf und Vilsbiburg, unverändert ernst, sagt Jürgen Königer, Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung im Rettungsdienstbezirk Landshut. Zwar führe eine Ansteckung mit der derzeit vorherrschenden Omikron-Variante des Coronavirus im Vergleich zu früheren Virusvarianten deutlich seltener zu einem lebensbedrohlichen Verlauf der Covid-Erkrankung, der dann eine intensivmedizinische Behandlung erfordere. „Die Normalstationen aber sind nach wie vor stark durch Corona-Infizierte belastet, die isoliert werden müssen und deren medizinische Versorgung und Pflege jeweils mit hohem Personalaufwand verbunden ist“, erklärt Königer. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Infektion der ausschlaggebende Grund für die Krankenhauseinweisung war oder nur zufällig festgestellt wurde. „Das Ergebnis ist im Klinikalltag dasselbe: Der Personalbedarf ist einfach erheblich erhöht.“ Und kann seit Wochen kaum noch gedeckt werden, weil sich vermehrt auch Krankenhausbedienstete infizieren und in der Folge krankheits- und/oder quarantänebedingt vorübergehend nicht mehr zur Verfügung stehen. „Diese Ausfälle häufen sich und sind nicht mehr vollständig aufzufangen“, sagt Königer.

Das könne Folgen für die medizinische Versorgung im Raum Landshut haben. Einerseits, weil elektive Maßnahmen nicht mehr durchgeführt werden können. Andererseits, weil die Akutversorgung leidet. „In den vergangenen Wochen mussten sich auch regionale Kliniken immer wieder zeitweise für die Aufnahme von Notfällen abmelden“, bestätigt der Krankenhauskoordinator. Andere bayerische Regionen berichteten von denselben Schwierigkeiten. Das führe dazu, dass Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Patienten, aber auch Unfallopfer zum Teil bereits in weit entfernte Krankenhäuser transportiert werden mussten, um angemessen versorgt werden zu können. „Das bedeutet für die Betroffenen und deren Angehörige, aber auch für die Mitarbeiter der Rettungsdienste eine große Belastung, die man nicht achselzuckend hinnehmen darf“, sagt Königer. „Als Krankenhauskoordinator ist es meine Pflicht, in aller Deutlichkeit auf dieses Problem aufmerksam zu machen.“ Zumal ihn auch die Kliniken selbst wiederholt auf die drohende Überlastung hingewiesen hätten.

Bei OB Putz und Landrat Dreier stoßen die Hilferufe von Königer und den Krankenhäusern auf offene Ohren. „Wir nehmen diese Warnungen sehr ernst. Sie zeigen, dass die Pandemie leider noch nicht vorbei ist und dass wir achtsam bleiben müssen, um das Risiko von Engpässen bei der medizinischen Versorgung zu minimieren.“ Daher gelte es, die von der Ampelkoalition und den sie tragenden Bundestagsfraktionen von SPD, Grünen und FDP beschlossenen Lockerungen bei den Infektionsschutzmaßnahmen richtig einzuordnen. „Mit Ablauf der Übergangsfrist am 2. April treten nach aktueller Rechtslage bekanntlich die meisten gesetzlichen Corona-Regeln außer Kraft“, so Putz und Dreier. „Das bedeutet für alle Bürgerinnen und Bürger ein Mehr an persönlicher Freiheit – die jeder und jede Einzelne aber mit Bedacht nutzen sollte.“

Statt staatlicher Vorschriften setze die Bundespolitik ab sofort fast ausschließlich auf Vernunft und Eigenverantwortung der Bürger. „Der Grundgedanke ist zwar richtig“, sind sich Oberbürgermeister und Landrat einig. Ob der Weg in der Praxis aber auch funktioniere, bleibe abzuwarten. „Entscheidend wird sein, dass sich möglichst alle weiterhin freiwillig zumindest an die bekannten Basis-Schutzmaßnahmen halten, also auf Mindestabstände und Hygienestandards achten. Und gerade in öffentlich zugänglichen Innenräumen, etwa im Einzelhandel, ist auch künftig das Tragen einer Mund-Nasen-Maske empfehlenswert.“ Mit diesen Grundregeln habe man eine gute Chance, das Infektionsgeschehen zumindest einigermaßen im Griff zu behalten. Gelinge dies nicht, werde die Bundes- und Landespolitik vermutlich gezwungen sein, zeitnah bei den Infektionsschutzvorschriften nachzuschärfen, sagen Putz und Dreier mit einem Seitenblick nach Österreich: Dort wird die erst Anfang März aufgehobene FFP2-Maskenpflicht in Innenräumen wegen der sprunghaft gestiegenen Ansteckungszahlen und einer drohenden Überlastung der Kliniken nun wieder eingeführt…

Foto: Archiv DIESUNDDAS/hjl

 

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