„Das ist echte Handarbeit“

Lieferengpässe: Klinikums-Apotheke stellt Medikament für Kinder selbst her

Wegen Lieferengpässen sind derzeit Fiebersäfte, Antibiotika und weitere Medikamente für Kinder knapp. Am Klinikum Landshut werden diese wichtigen Arzneimittel deshalb wieder selbst hergestellt.

Stetig und gleichmäßig verrührt die Apotheken-Mitarbeiterin das Flüssigwachs mit dem Ibuprofen-Pulver. Sobald eine homogene Masse entstanden ist, kann das Gemisch abkühlen und wird schließlich in die Verpackungsformen gegossen. Innerhalb einer guten Stunde entstehen so 60 Ibuprofen-Zäpfchen für Kinder. Das Team um Apothekenleiter Dr. Mario Kager stellt derzeit fast täglich solche entzündungshemmenden und schmerzstillenden Arzneimittel her – weil diese und auch andere klinikrelevante Medikamente seit Wochen oder Monaten nicht mehr lieferbar sind. „250 klinikrelevante Arzneimittel befinden sich derzeit im Engpass“, berichtet der Pharmaziedirektor.

Durch geschickte Logistik wie mehrere Lieferquellen und kürzere Bestellintervalle sowie dem Einsatz von Wirkstoff-Alternativen lässt sich zwar viel ausgleichen. Aber irgendwann stoßen die Apotheken an die Grenzen des Machbaren. Derzeit sind auch Fiebersäfte und Antibiotika für Kinder knapp – kaum mehr bestellbar, kaum mehr lieferbar. „Vor rund einem Monat haben wir deshalb auf Eigenproduktion umgestellt“, so Dr. Kager. Zäpfchen gießen, Fiebersäfte mischen und Abführmittel herstellen gehört seitdem zum täglichen Brot des erfahrenen Apotheken-Teams. Das pharmazeutische Fachwissen der Apotheker und PTAs (Pharmazeutisch-technische Assistenten) wird in der Klinikumsapotheke seit Jahren gefördert, um genau auf solche Engpässe reagieren zu können. „Wir sind stolz darauf, dank unserer engagierten Mitarbeiter und der nötigen Gerätevorhaltung die Versorgung auch in solch schwierigen Situationen gewährleisten zu können“, so auch Geschäftsführer André Naumann.

Allein im Dezember hat das Apotheken-Team am Klinikum für die kleinsten Patienten über 1600 Fieberzäpfchen und 8700 Milliliter Ibuprofen-Fiebersaft produziert. In Kürze läuft die Produktion eines Breitband-Antibiotikums als Saft an. Eine Rohstoff-Prüfung vorab und eine Nachkontrolle des fertigen Mittels gehört bei jedem Prozess dazu. „Die Eigenherstellung ist aufwändig und arbeitsintensiv. Das ist echte Handarbeit“, betont Dr. Kager. „Unser Ziel ist es jedoch, dass der Arzneimittelmangel die Patienten nicht erreicht – dafür nehmen wir den Aufwand gerne in Kauf.“ Geliefert werden diese Medikamente vorwiegend an das Kinderkrankenhaus, ein Privatverkauf ist für die Krankenhausapotheke nicht möglich.

Gerade Medikamente für Kinder sind in einer Art Dauer-Lieferengpass: schuld sind Lieferkettenprobleme, Wirkstoffmangel und eine akute Krankheitswelle. Aktuell sind zwei Standard-Medikamente – Paracetamol und Ibuprofen – nicht lieferbar. „Ich kann mich nicht erinnern, dass beide gleichzeitig knapp waren“, so der Chefapotheker. „Die Situation ist wirklich akut.“ Für 2023 wünscht er sich Entspannung auf dem Markt: Die ersten Hersteller haben für den Jahresanfang eine schrittweise Rückkehr zur Lieferfähigkeit signalisiert.

Bildbeschreibung:

Vermengen, abkühlen, abfüllen: Anna Scheuerer, Pharmazeutin im Praktikum, stellt in der Krankenhausapotheke des Klinikums Landshut Fieber-Zäpfchen für Kinder her.

Foto: Klinikum Landshut

 

 

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