Deutscher Schulbuchpreis 2020 im Rathaussaal zu Passau am 20.8.2021 verliehen

Laudatio: Josef Kraus, Vorsitzender des Kuratoriums Deutscher Schulbuchpreis

Josef Kraus: „Heute wähle ich einen Einstieg in die Laudatio, der noch recht leichtfällt: Reiner Kunze wurde vergangenen Montag, am 16. August, 88 Jahre alt. Fällt Ihnen etwas auf? 1933 wurde er geboren, wenige Wochen nach der „Machtübernahme“, 1977 übersiedelte er des nackten Überlebens wegen von der DDR in die Bundesrepublik. Jetzt ist er 88 geworden.“

88? Das sind zweimal 44. Die ersten 44 Jahre, 1933 bis 1977, mußte Reiner Kunze in einer der deutschen Diktaturen leben. Seit 44 Jahren nun lebt er in einer Demokratie. Wir gratulieren! XSUND bleiben!!! Die ersten 44 Jahre mögen 44 Jahre bleiben. Den zweiten 44 Jahren mögen sich noch viele, viele hinzugesellen: persönlich und für dieses Land.

Reiner Kunze – Träger des Deutschen Schulbuchpreises 2020!

„Warum 2020?“ ist rasch beantwortet. Wir wollten Reiner Kunze letztes Jahr ehren. Aber alle drei Termine für 2020 und für das Frühjahr 2021 zerschlugen sich wegen „Corona“. Wir hatten eine größere Veranstaltung im Paulinum der Universität Leipzig geplant.

So haben wir gesagt: Jetzt im Sommer 2021 vollenden wir unsere Planung, indem wir zu Kunze nach Passau reisen – der Stadt, die viel mit der Entstehung Nibelungenliedes zu tun hat. Passend zu einem Dichter! Hier im Saal sehen wir ja den Einzug der Kriemhild in die Stadt Passau.

Die andere Frage „Warum überhaupt ein Schulbuchpreis für Reiner Kunze?“ ist eigentlich auch leicht zu beantworten: Die Jugend erfährt über Reiner Kunze,

  • woran man ein totalitäres System erkennt,
  • wie man es überlebt,
  • was man zu seinem Einsturz beitragen kann,
  • wie man mit Sprache zur Welt und zu Wahrheiten findet,
  • wie man mit Sprache zu sich selbst findet,
  • wie man mit Sprache zum Mitmenschen findet.

Also noch eine Laudatio auf Reiner Kunze. Gibt es davon nicht genug?

Zweiunddreißig Laudationes habe ich im „Netz“ allein anläßlich von Reiner Kunzes besonderen Geburtstagen gefunden: zum 60sten, 70sten, 75sten, 80sten, 85sten …. Dazu Laudationes anläßlich von rund 40 Preisverleihungen, Verdienstorden, Ehrenmitgliedschaften: etwa 1973 zum Literaturpreis der Bay. Akademie der Schönen Künste; oder 1977 zum Georg-Büchner-Preis und Georg-Trakl-Preis für Lyrik.

Ferner:

  • 1979 zum Bayerischen Filmpreis zu Die wunderbaren Jahre
  • 1993 zum Ehrendoktor der TU Dresden
  • 2001 zum Bay. Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst
  • 2009 zum Memminger Friedenspreis
  • 2014 zum Hohenschönhausen-Preis
  • 2015 zum Franz-Josef-Strauß-Preis der Hanns-Seidel-Stiftung

Dazu Verdienstorden der Länder Bayern, Thüringen, Sachsen (1988, 2008, 2012). Alle drei Länder, die sich Freistaat nennen! Und immer wieder Orden und Auszeichnungen, die mit Tschechien und mit der deutsch-tschechischen Aussöhnung zu tun haben:

  • Übersetzerpreis des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes (1968 !!!)
  • 2004 Premia Bohemica
  • 2014 Gratias-Agit-Preis des tschechischen Außenministeriums.

Man vergesse gerade hier nicht, welche Zuneigung Reiner Kunze etwa mit Milan Kundera und Jan Skácel verband. Und man vergesse nicht, wie sehr sich Reine Kunze um die Übersetzung tschechischer Poesie verdient gemacht hat. Über sie hatte er gesagt: „…Sie war bestimmend für meinen weiteren Werdegang …; sie ist von einer Bildkraft und Bildfülle, wie wir sie im Deutschen kaum kennen. Hinzukommt, daß es eine Poesie ist, in der … ein Kinderherz schlägt.“

Kunzeüberträgt damit die Wahrnehmungs- und Gedankenwelt der einen Kultur in die andere Kultur. Wie bereichernd doch das Vertiefen in eine andere Sprache sein kann, liebe Jugend, die ihr über jede andere Sprache neben dem Englischen erlernen solltet. (Nicht nur am Rande: Kunzes Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt.)

Nun also der Deutsche Schulbuchpreis: Es ist dies nach 50 Jahren wieder ein Preis, der mit Kunzes Wirken auf die Jugend zu tun hat. Mit den Hunderten an Besuchen in Schulen, mit denen er Zigtausende von jungen Leuten in seinen Bann geschlagen hat.

Und es ist dieser Preis denn auch die Anerkennung für ein Bekenntnis Reiner Kunzes: „Dürfte ich zwischen einem Literaturpreis und einem Platz im Schullesebuch wählen, würde ich mich für den Platz im Lesebuch entscheiden.“

50 Jahre ist es her: 1971 hatte Reiner Kunze für das Kinderbuch „Der Löwe Leopold“ den Deutschen Jugendbuchpreis bekommen. Ein hochpolitisches Buch übrigens! Denn der Löwe Leopold ist ein Stofftier, das eines Tages lebendig wird. Weil Leopold immer größer wird, steckt ihn die Polizei in einen Zirkus. Einem stets mit der Peitsche schwingenden Dompteur verweigert sich Leopold. Erst der Clown Pepo bringt ihn dazu, Zirkus zu spielen. 1971 war das! Welche Provokation für die DDR-Machthaber.

Schulbuchpreis? Reiner Kunze hat kein ganz bestimmtes Schulbuch geschrieben. Das würde sich Reiner Kunze nicht antun. Denn Schulbücher müssen sich exakt an Lehrpläne eines bestimmten Bundeslandes, einer bestimmten Schulform, eines bestimmten Faches, einer bestimmten Jahrgangsstufe orientieren. Das wäre für einen Reiner Kunze zu viel der Einengung. Außerdem würde Reiner Kunze ein solches Unterfangen schon im Anfangsstadium verwerfen – nämlich nach der Lektüre der Lehrpläne. „Lehrpläne?“ würde er ausrufen, nein „Leerpläne sind das!“

Dennoch: Reiner Kunze ist Träger des Schulbuchpreises, weil seine ganze Vita, sein ganzes Schaffen Vorbild und Wegweiser ist.

Reiner Kunze ist für junge Leute Zeitzeuge par excellence. Und: Reiner Kunze ist der Großanwalt der Kunst-, Meinungs- und Berufswahlfreiheit. Freiheiten sind das, die die Jugend heute – gottlob – wie selbstverständlich genießen kann, freilich ohne immer Antennen dafür zu haben, wenn diese Freiheiten peu á peu eingeschränkt werden.

Warum wurde Reiner Kunze ein solcher „Anwalt“? Weil man ihm in der DDR diese Freiheiten nahm. Und er sich nie damit abfand!

Kunze verließ die DDR auch nicht allein aus Gründen des Selbstschutzes. Nein, sagte er, wenn ich den Menschen in diesem Land noch etwas nützen können will, mußte ich die DDR verlassen

Eine Universitätslaufbahn war ihm nach 1955 aus politischen Gründen untersagt. Von Zuträgern hatte es Berichte über „systemkritische Kunzianer“ unter Kunzes Studenten gegeben. Kurz vor der Promotion bezichtigte man Kunze „konterrevolutionärer Umtriebe“. Vorübergehend mußte er als Hilfsschlosser arbeiten.

Mit dem 17. Juni 1953 und dann 1956 (Niederschlagung des Ungarnaufstandes) fühlte sich Kunze von seinem Staat betrogen. Ab da braute sich in ihm ein Widerstand gegen totalitäre Regime zusammen.

Ab 1962 wurde er freiberuflicher Schriftsteller. Stets immer neuen Repressalien des Systems unterworfen. Am 16. September 1968 wurde unter dem Decknamen „Lyrik“ eine Stasi-Akte über ihn angelegt. Auslöser war Kunzes Sympathie mit dem „Prager Frühling“. Kunze wurde zu einem Stachel im System – besonders beliebt und verehrt zumal von jungen Leuten, die sich oft zu Hunderten um ihn scharten.

Auch Tochter Marcela (Maik) war von „Beobachtern“ eingekreist worden. Eine Ansichtskarte aus Japan war ihr in der Schule ostentativ als Sympathisieren mit dem Kapitalismus ausgelegt worden.

Geschlossen wurde die Akte, in der Reiner Kunze die Tatbestände der Staatsgefährdenden Hetze (§ 106 DDR-StGB) und Staatsverleumdung (§ 220 DDR-StGB) angekreidet wurden, übrigens am 16.12.1977. Allerdings nur, damit mit dem 2. Januar 1978 über den nunmehr eingebürgerten Niederbayern Reiner Kunze eine neue Karteikarte angelegt wurde.

Was in der Stasi-Akte alles gesammelt und vom wem dorthin zugetragen wurde, erfuhr Reiner Kunze erst 1990: 12 Aktenordner voller menschlicher Abgründe (was die Zuträger betrifft), 3491 Blätter der Bespitzelung, 377 „analysierte“ Briefe finden sich dort. Weitere Unterlagen sind 1990 von interessierter Seite verbrannt worden. Reiner Kunze hat Auszüge aus seiner „Akte“ Ende 1990 in der Dokumentation „Deckname ‚Lyrik‘“ teilweise veröffentlicht. Übrigens: Keiner der Zuträger fand nach 1990 den Mumm, sich an Kunze zu wenden oder gar um Nachsicht zu bitten.

Ab 1974 waren ihm Maßnahmen bis zur physischen Vernichtung angekündigt: „Das überleben Sie nicht“, sagte man zu ihm. Oder auch: 

„Dieser Mann (RK) hängt nur noch an einem seidenen Faden, und wann und wie wir den kappen, das ist hier nur noch eine Frage der Zeit.“

Die Staatsmacht beließ es nicht dabei: Im Mai 1977 wurde die Losung ausgegeben: „…. Geeignete Verbindungen in westlichen Massenmedien über Kunze zu publizieren und seine Äußerungen zur DDR in Zweifel zu ziehen …“ „Ziel, … die Möglichkeit einer Zusammenarbeit des Kunze mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu verbreiten.“

377 Briefe und überhaupt die Post! Sie waren Lebenselexier des Reiner Kunze all die schweren Jahr hindurch: „einundzwanzig variationen über das thema ‚die post‘“ sind daraus entstanden. Die DDR-Post sah er als „Läusekamm“, mit dem systemwidriges „Ungeziefer“ herausgekämmt werden sollte und Briefe – wenn überhaupt – oft erst nach 43 oder 56 Tagen zugestellt wurden. Es gab für die Durchkämmung von Briefen Röntgentechnik, Brieföffnungsautomaten und Briefschließungsautomaten.

Ich erwähnte die Anlage einer Stasi-Akte ab 16. September 1968. 1968? War da nicht etwas? Ja, in Deutschland-West gab es Tumulte an Univer­sitäten, Ho-Chi-Minh-Rufe und Mao-Transparente. Bei den DDR-Bürgern löst das nur Kopfschütteln und großes Befremden aus.

Denn für die Bürger der DDR war „1968“ die Chiffre für den Prager Frühling und dessen brutale Zerschlagung. Reiner Kunze war – am 16. August – fast auf den Tag genau 35 Jahre alt geworden, als sowjetische und Panzer des Warschauer Paktes den „Prager Frühling“ am 21. August 1968 niederwalzten. Für die aller­meisten Menschen in der DDR war 1968 indes Hoffnung und Ernüchterung zugleich.

Mittendrin Reiner Kunze, der sich zu den Unterdrückten im Nachbarland bekannte. Seinen Gedichteband „Sensible Wege“ widmete er explizit dem „tschechischen volk, dem slowakischen volk““. Und er schreibt:

„Ausgesperrt aus büchern / ausgesperrt aus zeitungen / ausgesperrt aus den sälen / eingesperrt in dieses Land“. Repressalien folgten über Jahre hinweg. 1976 wurde er aus dem Schriftstellerverband der DDR; es kam de facto einem Berufsverbot gleich.

Und dann das Foto aus seiner Dokumentation „Deckname Lyrik“: Allein dieses Foto, auf dem Kunzes bis hin über das Dach beladener Wartburg (?) am 13. April 1977 die DDR verläßt, kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke jedesmal mit einem Frösteln daran, wenn ich diese Stelle auf der Autobahn A9 bei Rudolphstein passiere.

Dennoch: Nicht alle westlichen Mainstream-Leute waren erbaut ob der schier sezierenden Schilderungen, die Kunze über die erlebte DDR verfaßte. Hier, im „Westen‘“, waren offenbar schon die Maßstäbe verschwunden, die einen totalitären Staat ausmachen. Und so wehrt sich Reiner Kunze heute noch dagegen, daß die DDR mittlerweile weichgezeichnet wird und offenbar von Jahr zu Jahr schöner wird.

Reiner Kunze war für noch so viel Stasi-Silberlinge nicht zu korrumpieren. Für ihn gab es keine Kompromisse. Denn: „Das poetische Bild ist nicht kompromißfähig, weil es auf Wahrheit verweist.“

Will heißen: Kunze vertraut der Sprache. Er verläßt sich auf ihre Würde, ihre Dignität, ihre Weisheit und ihre Wahrheit. In ihr – der Sprache – ist nämlich schier generationsübergreifend – also in intergenerationeller Demokratie – Erfahrung, Gedächtnis, Weisheit, Wahrheit gespeichert.

Das Schlimme ist: Wir merken es kaum noch, wenn all dies dahinschwindet. Es ist ein Verlust des Verlustes, wie es der kürzlich verstorbene englische Philosoph Roger Scruton genannt hat: Wir merken den Verlust selbst von etwas Unwiederbringlichen oft nicht mehr.

Ein Schulpreis für Kunze? Ja, auch deshalb, weil Kunze ein Herz für Kinder und Jugendliche hat.

Den Jugendbuchpreis von 1971 hatte ich erwähnt. Das Hineindenken in das Denken und Fühlen Heranwachsender hat er unter anderem entwickelt im engen gedanklichen und künstlerischen Austausch mit seiner Tochter Marcela („Maik“). Er hat sich von ihr prägen lassen, sie hat ihm  die Briefumschläge illustriert.

Immer wieder gab es Gedichte für Kinder. 2011 als Sammlung „Was macht die Biene auf dem Meer? Gedichte für Kinder, Mütter, Väter, Großmütter und Großväter“. Darin Strophen wie die folgenden:

Wie die Elefanten hören – 3. Strophe

„Die charmanten

Elefanten

sind geboren

mit sechs Ohren.“

Oder wenn der leidenschaftliche Briefeschreiber Kunze mit dem Briefeschreiben nicht mehr nachkommt und Felix (6) für Opa einen Rat weiß:

„Nimm dir einen Tintenfisch,

der acht Arme hat

und alle Briefe schreibt für dich,

dann hast du Zeit für mich.“

Der Briefeschreiber Reiner Kunze: Für ihn ist das Briefeschreiben das „Tor zur Welt“, die „Zweite Luftröhre“ – er widmet ihm oft mehrere Stunden täglich. Wie wohltuend und wegweisend in Zeiten, in denen Junge „digital natives“ werden sollen, aber doch „digitale Naivlinge bleiben“. Welch Kontrast zur Jugend heute, die sich über sog. „soziale“ Medien nur noch in Sprachellipsen verständigt!

Eine Mail-Anschrift hat Reiner Kunze übrigens nicht: „aus Überlebensgründen!“

In „Die dichtung im Gedicht“ – Abschnitt „Wie entsteht ein Gedicht?“ zeigt er indes auf, wie junge Menschen lernen könnten, Gedichte zu schreiben: am Beispiel eines alten Kirchleins, das er in den Alpen fand, oder am Beispiel eines Erlebnisses in Seoul (2005).

In seiner Dankesrede vom 15. Dezember 1993 in Dresden anläßlich seiner Ehrenpromotion sagt er dann auch noch: „Trüge man mir das Amt des Weltkulturministers an, würde ich es annehmen, um weltweit die Lehrerfrage zu verbieten ‚Was wollte uns der Dichter damit sagen‘?

Sodann: Reiner Kunze – der Patriot

Reine Kunze ginge auch als Kosmopolit durch. Siehe seine Reisen durch nahezu alle Länder Europas, in die USA, in Länder Lateinamerikas, Korea und Japan. Aber er blieb Patriot.
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Diese Sorge Heinrich Heines indes beschäftigt Reiner Kunze bis heute. Er litt unter der deutschen Teilung. 1963, Kunze war 30 Jahre alt, schrieb er:

„Nun bin ich dreißig Jahre alt

Und kenne Deutschland nicht:

Die grenzaxt fällt in Deutschland wald

O Land, das auseinanderbricht

im Menschen

Und alle brücken treiben pfeilerlos.“

Reiner Kunze hat diesen Teil Deutschlands psychisch unbeschadet, vermutlich sogar gestärkt, resilient, überstanden: trotz Bespitzelung, trotz Berufsverbot, trotz Ausbürgerung. Trotz Drohungen eines DDR-Kulturministers Hoffmann: „Herr Kunze, dann kann Sie auch der Minister für Kultur nicht mehr vor einem Unfall auf der Autobahn bewahren.“

Reiner Kunze ist auch nicht in die innere Emigration gegangen. Er hat auch keine Demonstrationen von Zigtausenden angeführt. Aber ist Reiner Kunze der „stille Deutsche“, wie ihn Michael Wolffsohn einmal beschrieb? Ja und nein. Denn: Er hat die Mauer mit leisen Tönen zum Einsturz gebracht. Er höhlte die hohle DDR aus und war damit poetischer Wegbereiter der wiedergewonnenen Einheit Deutschlands. Viele seiner Gedichte, zumal wenn er sie selbst vorträgt, mögen pianissimo sein. Aber ihre Aussage ist fortissimo.

Und heute noch sagt er allen, die es anders hinklittern wollen: Die DDR war ein Unrechtsstaat. Annähernd 1.000 Menschen haben bei ihrem Versuch, von Deutschland nach Deutschland zu fliehen, ihr Leben verloren. Es gab 200.000 bis 250.000 politische Gefangene. Noch 1981 wurde in Leipzig – politisch motiviert – ein Todesurteile vollstreckt. Um Systemkritiker dingfest zu machen oder um sie und ihre Familien wenigstens zu drangsalieren, gab es 189.000 Informelle Stasi-Mitarbeiter (Stand: 1989) und 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter (Stand: 1989). 112 Kilometer Stasi-Akten wurden gefunden. Aus der DDR-Bevölkerung wurde aus Angst vor alltäglicher Bespitzelung ein „Volk der Flüsterer“.

Wer das kritisiert, kam auch im Westen nicht nur gut an. Dort hatte man sich in weiten Kreisen an ein kompromittiertes Ideal gewöhnt. 1992/1993 hatte man im Westen Deutschlands ein Komplott gegen Kunze geschmiedet: Walter Jens und Günter Grass sahen Kunze als Störenfried in der Akademie der Künste.

Ein Nobelpreisträger Günter Grass (1999) meinte gar, die DDR sei eine „kommode Diktatur“ gewesen. Mit dem Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes Hermann Kant hatte Kunze schon viel früher gebrochen. Kant hatte über Reiner Kunze nach der Ausreise der Kunzes aus der DDR hinterhergerufen: „Kommt Zeit, vergeht Unrat.“

Warum ich all das sage und doch nur andeuten kann: Reiner Kunze war ein Held. Sein Mut war der Mut eines Helden, nicht der Gratismut, den manche Leute heute für Mut halten, weil sie etwas tun, wofür sie öffentlich gelobt werden.

Schließlich: Der Sprach- und Herzensbildner

Kunze ringt um jedes Wort. Das ist das wohltuende Gegenstück zur Schwatzhaftigkeit und – pathologisch ausgedrückt – der um sich greifenden Logorrhoe, der sich heute so viele – auch öffentlich – befleißigen. Das ist das Gegenstück zum rudimentären Wort-„Schatz“, dessen sich viele in den sog. „sozialen Netzwerken“ bedienen

Reiner Kunze lehrt uns und unseren Jungen das Zwiegespräch mit der Natur.  Ein Beispiel nur: Gelegentlich schlüpft er in das Gewand des Zoologen, näherhin des Ichthyologe. Dann ist das Ergebnis 2002 der opulente Bildband „Der Kuß der Koi. Prosa und Fotos“.

Dieser Band handelt von den „Koi“, den Farbkarpfen. Entstanden sind die Fotos und Betrachtungen „aus der Melancholie glückseliger Augenblicke“. „Verbündete“ nennt Kunze seine weißen, braunen, marienkäferroten, gelben, schwarzen Koi, um mit ihnen zusammen über Kreatürlichkeit nachzudenken. Sie gewähren ihm Einsamkeit, ohne ihn allein zu lassen. Einige werden bis 30 Jahre alt. Wesen mit Seele? Schließlich reflektiert Reiner Kunze darüber, ob das englische „animal“ nicht vom lateinischen „anima“ (die Seele) komme.

Ich will an diesem einen Beispiel sagen: Kunze lädt ein zur Meditation. Und er lädt ein, jedes Wort zu wägen. Er sagt:Wort ist währung / Je wahrer, / desto härter.“

Bei Hunderten von Lesungen in Schulen hat er damit junge Leute begeistert. Aber wie nachhaltig ist das?

In den 1970er und 1980er Jahren gab es in den Lehrplänen eine Liste auswendig zu lernender Gedichte, einen „Kanon“ sozusagen, darunter auch Gedichte von Reiner Kunze. Was das Erlernen von Gedichten betrifft, befinden wir uns freilich heute „unter aller Kanone!“

Daß es einen solchen Kanon nicht mehr gibt, daß Schulbuchverlage zudem so manches Kunze-Gedicht nicht mehr abdrucken, weil es Reiner Kunze untersagt hat, seine Gedichte „rechtschreibreformerisch“ zu vergewaltigen, hat zu einer Art „Ausbürgerung“ Kunzes aus Schulbüchern geführt.

Wie erbärmlich – und das für einen Großanwalt unserer Sprache, wenn es denn sein muß auch Generalankläger gegen deren Verhunzungen.

Zwei Fehlentwicklungen hat sich Kunze zur Brust genommen. Erstens: Für ihn war die Rechtschreibreform ein Beispiel von Machtarroganz und Skrupellosigkeit – ohne Rücksicht auf Sachargumente. Kunze weiter: „Wer das Niveau der geschriebenen Sprache senkt, senkt das Niveau der Schreibenden, Lesenden und Sprechenden“.

So Reiner Kunze in der „Welt“ vom 1. März 2009. Bereits 2002 hat er Entsprechendes in einer Denkschrift zu Papier gebracht. Der Titel dieser Schrift war alleine schon Sprachphilosophie: „Die Aura der Wörter“. Ein Plädoyer für die Dignität und Wahrheit der Sprache!

Einmal mehr freilich zeigte und zeigt sich, wie sehr so manche Politik sich von der Bevölkerung entfernt hat. Politik und ein Experten(un)wesen haben sich arrogant und ignorant durchgesetzt. Ein obrigkeitlicher Gewaltakt ist daraus geworden – vergessend, daß die Sprache dem Volk und nicht irgendwelchen Bürokraten oder modernistischen, karriereambitionierten Linguisten gehört.

Dabei hat die Reform“ nullkommanix gebracht. Die Schüler machen mitnichten weniger Fehler.

Gelitten hat auch die Ernsthaftigkeit, mit der Schüler an die Rechtschreibung herangehen sollen. Schuld daran ist die Beliebigkeit von Schreibungen (Variantenschreibungen). Schüler entwickelten nämlich bald das Gefühl, daß man etwas „so oder so oder auch anders“ schreiben kann.

Gelitten haben die Möglichkeiten der semantischen Differenzierung. So soll es viele Unterscheidungsmöglichkeiten nicht mehr geben, weil dann etwa folgende Schreibungen bevorzugt werden sollen: wohl bekannt statt bisher wohlbekannt, viel versprechend statt vielversprechend.

Man stelle sich einmal vor: Da will einer sagen oder schreiben, man müsse die Diskriminierung von Fremden bewußt machen (getrennt geschrieben, also willentlich machen), wo er doch (zusammengeschrieben) bewußtmachen (darüber aufklären) meint.

Zweitens: Der Gender-Unfug: Wer als Freidenker im totalitären Staat der DDR so lange der Indoktrination ausgesetzt war wie Reiner Kunze, der hegt eine tiefe Skepsis gegen verordnete Gebote des Denkens, Redens und Schreibens. Da ist es ein Geschenk des Himmels, daß es einen Reiner Kunze gibt. Auch im Jahr 2021, in dem die „gendergerechte“ Verhunzung unserer Sprache bis hinein in die „Öffentlich-Rechtlichen um sich greift und das sog. Gender-Sternchen über 300mal gewisse Wahlprogramme ziert. Vermeintlich ziert. Ein „Sternchen“ (oder Doppelpunkt …), das/den manche auch noch für aussprechbar halten – mit einem Glottisschlag, einem gesprochen Zungenschnalzer, einem Hickauf, der freilich eher Logopädie-Bedarf signalisiert. Und dann erst so abstruse Konstruktionen wie: „Backendenhandwerk“, Fußgehendenbrücke“, „Letztes Jahr gab es drei tote Radfahrende.“ „In den Hörsälen sitzen manchmal schlafende Studierende.“

Reiner Kunze hat solche Verirrungen am 23. Juni 2018 zur Eröffnung der Europäische Wochen Passau aufgespießt. Er nennt die Genderisierung der Sprache eine eklatante Verarmung und Bürokratisierung der Sprache, eine Denunzierung aller Sprechenden, die sich dagegen verwahren, und eine Einschränkung der Freiheit des Denkens.

Wörtlich: „Der Sprachgenderismus ist eine aggressive Ideologie, die sich gegen die deutsche Sprachkultur und das weltliterarische Erbe richtet, das aus dieser Kultur hervorgegangen ist.“ Und da kann der sonst so leise Reiner Kunze zornig werden. Als ich ihm am Telefon ein paar Beispiele aus der Giftküche der Gender-Sprache zitierte, wurde er laut: „Das ist ein Verbrechen gegen unsere Sprache!“

Was können junge Leute von Reiner Kunze lernen? Appelle!

Was in deutschen Diktaturen los war, ist nicht Mittelalter, sondern allgegenwärtig. Reiner Kunze steht dafür. Er steht für eine Sentenz von George Santayana: „Wer Geschichte ignoriert, muß darauf gefaßt sein, sie zu wiederholen.“ In einem Essay mit dem Titel „Wenn wieder eine Wende kommt“ schreibt Kunze denn auch: „Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es, aber es gibt Ideologien, deren die Menschheit nie Herr werden wird, und der Weg von der Demokratie in die Diktatur kann demokratisch sein.“ „Lebt nicht mit der Lüge!“, sagen Alexander Solschenizyn und Reiner Kunze denn auch.

Seid widerspenstig, gebt nicht den Untertan, wie ihn Reiner Kunze persifliert: „… Mein junge, ein guter Deutscher / Schläft auf Kommando ein / Und wenn in Deutschland geschlafen wird, / darf keiner munter sein.“

Verliert Euch in der Lyrik Reiner Kunzes! Laßt Euch ein auf seine jedes Wort abwägende Betrachtungen: Was ist Gott? Was ist Welt? Was ist Tod? Was ist Krankheit? Was ist Natur? Was ist Liebe? Was ist Melancholie? Was ist Mut? Was ist Treue zu sich selbst? Was ist Identität?

Es ist zu hoffen, daß es genügend Lehrer der Fächer, Deutsch, Geschichte und Politik/Sozialkunde gibt, die Reiner Kunze immer und immer wieder zum Gegenstand ihrer Bildungs- und Erziehungsbemühungen machen.

Als ich Reiner Kunze vor gut einem Jahr anrief, um ihn zu fragen, ob er den Deutschen Schulbuchpreis annähme, war seine spontane Antwort, die mir noch heute im Ohr klingt. „Welche Ehre. Das ist ja mehr Ehre als der Georg-Büchner-Preis.“ Ich glaube ihm diesen Satz nicht ganz. Dann aber glaube ich diesen Satz doch wieder, weil dieser große Mann seit Jahrzehnten vorlebt, wie sehr ihm die jungen Leute auf Herzen liegen.

Reiner Kunze ist nicht denkbar ohne Frau Dr. Elisabeth Kunze

Ihr gehörte eigentlich die Hälfte der Laudatio. Ihr Name schmückt nicht umsonst den Namen der gemeinsamen Stiftung. Elisabeth Kunze musste übrigens kaum weniger als ihr Mann so manche staatliche Schikane über sich ergehen lassen: beruflich als Kieferorthopädin in einer Klinik in Greiz.

Reiner Kunze hat nie einen Zweifel aufkommen lassen: „Meine Unabhängigkeit als Schriftsteller verdanke ich der Kameradschaft meiner Frau.“ Und an anderer Stelle: „Ich danke meiner Frau für ihre Selbstlosigkeit. Ich danke Marcela, daß sie auch in den Jahren, in denen sie erst zu sich finden mußte, ihren Vater nie verleugnet hat.“

Als reden wir doch noch ein wenig über Elisabeth Kunze, geborene Littnerová (welch vielsagender Name!) – vormals aus Aussig an der Elbe (Usti nad Labem). Sie hatte am 9. Juni 1959 über DDR-Radio Kunze-Liebesgedichte gehört und nach langen Briefumwegen Kontakt zu Reiner Kunze gefunden. Reiner Kunze schickte ihr im Januar 1960 sein Büchlein „Vögel über dem Tau“. Dann gab es 400 Briefe zwischen den beiden, manche 25 Seiten lang. Ebenfalls per Brief ging ein Heiratsantrag ins gut hundert Kilometer entfernte Aussig. Ein Telefonat besiegelte die Absicht. Zwei Seelenverwandte hatten ich gefunden. Seit 8. Juli 1961 sind beide verheiratet. Gratulation! 60 Jahre Ehe: Diamantene Hochzeit!

Zum Schluß: Reiner Kunze – der glückliche Sisyphos

Darf man Reiner Kunze mit Sisyphos in Verbindung bringen? Mit dem „Mythos des Sisyphos“? Der Nobelpreisträger des Jahres 1957 für Literatur, Albert Camus, hat exakt unter diesem Titel 1942 einen Essay veröffentlicht. Camus greift hier die existentielle Grunderfahrung des Absurden auf, gegen das nur eine Revolte der leidenschaftlichen Selbstverwirklichung helfe – eine Revolte, in der die absolute Verneinung des Faktischen umschlägt in eine absolute Bejahung der gegebenen Welt.

So oder so ähnlich sieht sich vermutlich Reiner Kunze. Insofern ist es nicht so ganz überraschend, daß dieser Camus-Essay mit dem Schlußsatz endet: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Ja, wir können uns Reiner Kunze als glücklichen Menschen vorstellen, der wieder und wieder dieselben großen Aufgaben wälzte und der dies mit Eros und Ethos sowie – falls nötig – mit Trotz tut.

Zum Ende schweift mein Blick heute nach „Stockholm“. Ihr dort in Eurem schlauen Komitee: Warum habt ihr Reiner Kunze bislang verschlafen? – Reiner Kunze: Welch ein Vorbild !!!

Bildbeschreibung von links: Ehrung beim Festakt im Großen Rathaussaal, Laudator Josef Kraus, Elisabeth und Rainer Kunze, sowie Vereinsvorsitzender Prof. Dr. Walter Schweidler
Bildquelle: Kraus/Lampelsdorfer

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