„Die Intensiv-Kapazitäten gehen zur Neige“

Ärztlicher Leiter Krankenhaus-Koordination zieht erste Zwischenbilanz

Seit gut einem Monat ist Jürgen Königer nun als Ärztlicher Leiter Krankenhaus-Koordination im Rettungsdienstbereich Landshut (der die Landkreise Landshut, Dingolfing-Landau, Kelheim und die kreisfreie Stadt Landshut umfasst) tätig.

Wie haben Sie die ersten Wochen in Ihrer neuen Aufgabe erlebt?

Die Lage ist unglaublich dynamisch und ändert sich rasend schnell: Wir konnten beobachten, wie die Infektionszahlen in Deutschland fast schon sprunghaft angestiegen sind – in der Fläche, zusätzlich in Hotspots wie Alten- und Pflegeheimen. Dies hat sich mit einigen Tagen Verzögerung auch in unseren Kliniken gezeigt und stellt uns täglich vor enorme Herausforderungen.

Wie steht es derzeit um die Intensivbetten-Belegung in den regionalen Krankenhäusern?

Wir steuern auf den Punkt zu, in der die Intensiv-Kapazitäten in unseren Kliniken zur Neige gehen. Dies liegt aber weniger an einem Material-Engpass – vielmehr ist es das Personal zur Betreuung der Intensiv-Patienten, das fehlt. Denn unabhängig von Corona sind die Intensiv-Betten in unseren Krankenhäusern stark belegt – sei es durch Herzinfarkte, Unfallgeschehen oder Schlaganfälle. Bereits jetzt müssen manche Patienten landkreisübergreifend verlegt oder transportiert werden, weil in der Region Landshut zeitweise die Kapazitäten erschöpft sind. Die Disponenten der Integrierten Leitstelle versuchen natürlich ihr Bestes, dennoch müssen wir derzeit leider in Kauf nehmen, dass ein Patient nicht ins nächste Krankenhaus gebracht werden kann und womöglich weiter weg behandelt werden muss. 

Welche Maßnahmen werden ergriffen, um die Kliniken zu entlasten?

Eine Reha-Klinik im Raum Kelheim wird derzeit zu einem „Hilfskrankenhaus“ umgewidmet, damit die transportfähigen Patienten aus den Akutkliniken hier bis zu ihrer Genesung weiter behandelt werden können, in den regionalen Häusern aber gleichzeitig wieder Platz für Notfälle geschaffen wird. Die planbaren Operationen werden verschoben, damit die Ressourcen für die Beatmung und Behandlung von Covid-Patienten verwendet werden können. Was uns aber noch besonders belastet, sind die Personen, die aus medizinischer Sicht eigentlich nicht mehr stationär behandelt werden müssten, aus Gründen von Quarantäne, Aufnahmestopp oder Personalüberlastung nicht mehr in ihre Heime zurückverlegt werden können. Die Betten in den Kliniken werden aber bereits wieder dringend gebraucht. Deshalb bin ich gerade dabei, eine Art „Übergangsklinik“ einzurichten, damit solche Fälle zwar bestmöglich untergebracht werden, die stationären Kapazitäten für akute Notfälle und Covid-Behandlungen wieder in größerer Anzahl zur Verfügung stehen.

Mit welchen Problemen haben Sie derzeit besonders zu kämpfen?

Wenn man sich die Altersstruktur der stationär behandelten Covid-Patienten ansieht, wird deutlich, dass es sich zu großen Teilen um hochbetagte, vorerkrankte Menschen handelt, die eine Infektion mit dem Corona-Virus wirklich schwer mitnimmt und objektiv betrachtet in der Regel leider nur wenig Aussichten auf Heilung haben. Natürlich werden wir als Ärzte um jedes Menschenleben kämpfen, dies ist auch unsere Pflicht. Trotzdem müssen wir uns offen die Frage stellen, ob solch invasive und mitunter schmerzhafte Behandlungsmethoden wie eine wochenlange künstliche Beatmung ohne Aussicht auf Verbesserung tatsächlich im Sinne des Betroffenen sind – auch wenn es für die Angehörigen eine schmerzvolle und schwierige Entscheidung ist, einen geliebten Menschen gehen lassen zu müssen. Ich kann dies als Arzt, aber  aus aus persönlicher Erfahrung, wirklich nachvollziehen. Aber gerade deshalb ist das Thema Patientenverfügung aktueller denn je. Natürlich spielen hier mehrere Faktoren eine Rolle:  Die Gesamtsituation des Patienten und sein „medizinisches Alter“, aber auch seine persönliche Einstellung zum Leben. Gerade jetzt sollten sich die Angehörigen, am besten in Abstimmung mit dem Hausarzt, Gedanken zu diesem Thema machen, um diesem Menschen und seinen Wünschen gerecht zu werden. 

Was ist in der „zweiten Welle“ so anders als im Frühjahr? Wenn man die Zahlen miteinander vergleicht, so waren im Frühjahr doch deutlich mehr Covid-Intensivpatienten in Behandlung als jetzt?

Im Gegensatz zur ersten Corona-Infektionslage im Frühjahr haben die Kliniken noch lange versucht, geplante Operationen durchzuführen, damit hier kein großer Rückstau entsteht. Vor allem im Hinblick darauf, dass wir nach der ersten Welle den Rückstau in den Sommermonaten mit zunehmenden akuten Fällen verzeichnen konnten, war dies auch der richtige Weg. Auch dies bindet viele Kapazitäten, sei es materiell durch Beatmungsplätze oder personell durch engmaschige Vor- und Nachbereitung der Eingriffe. Dieser Elektiv-Bereich kann nicht von heute auf morgen heruntergefahren werden, obwohl alle Kliniken diesen bereits deutlich eingeschränkt haben.  Dennoch sind die Krankenhäuser zurecht aufgefordert, nicht verschiebbare elektive Operationen weiterhin durchzuführen. Denn ein Aufschub könnte sich für den Patienten ebenfalls negativ auswirken.

Hinzu kommen Notfälle, die nichts mit Covid zu tun haben, die wir durch die Eindämmung von Corona-Infektionen nicht beeinflussen können: Ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder schwere Verletzungen nach einem Verkehrsunfall. Auch das passiert nach wie vor, Lockdown hin oder her. Diesen Menschen müssen wir ebenfalls mit voller Kraft helfen.

Ist überhaupt eine Prognose möglich?

Sie ist auf jeden Fall sehr schwierig. Ein Lockdown, also das öffentliche Leben deutlich runterzufahren, ist aus epidemiologischer Sicht eines der effektivsten Mittel, um die Ausbreitung von Infektionen einzudämmen und war aus Sicht der Kliniken überfällig. Ob Maßnahmen zur Kontaktreduzierung erfolgreich sind, zeigt sich sowohl in den Infektionszahlen als auch in der stationären Auslastung erst deutlich zeitverzögert. Der Winter wird also lang und hart. Wir müssen gemeinsam durchhalten, bis die Impfungen fortgeschritten sind und so auf diese Weise die Infektionen eingedämmt werden. Bis dahin gilt: Bitte halten Sie weiter Abstand, tragen sie Masken, reduzieren sie Ihre Kontakte und waschen regelmäßig die Hände. Damit kann jeder seinen Beitrag leisten.

Bildunterschrift: Der Ärztliche Leiter Krankenhauskoordination im Rettungsdienstbereich Landshut (umfasst sowohl Stadt und Landkreis Landshut als auch die Landkreise Dingolfing-Landau und Kelheim) berichtet über die aktuelle Lage in den örtlichen Kliniken.

Foto: Maria Klaus – LAKUMED

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