„Es ist kurz vor Zwölf“

Belegungsdruck in den Kliniken mit Intensivpatienten wird immer größer – weitflächige Umverlegungen nötig

Anhaltend hoher Belegungsdruck, lange Liegezeiten schwerstkranker Patienten, dazu eine akute und sich verschärfende Personalnot: Die ungebrochene exponentielle Wachstumskurve an Corona-Infektionen in der Region spiegelt sich mehr und mehr in den Kliniken des Rettungsdienstbereiches Landshut (hierzu gehören die Landkreise Landshut, Kelheim, Dingolfing-Landau sowie die Stadt Landshut). In den dort angesiedelten Kliniken werden heute 109 corona-positive Patienten auf den Normalstationen versorgt, weitere 29 müssen intensivmedizinisch behandelt werden (davon entfallen auf die Akutkliniken in Stadt und Landkreis Landshut 46 Patienten auf den Normalstationen, 16 auf den Intensivstationen).

„Wir sind alle am Limit“ – das war der Tenor in der letzten Videokonferenz der Klinikvertreter. Bislang konnte zwar noch für jeden Patienten ein freies (Bett gefunden werden, obwohl bereits Verlegungen in andere Regierungsbezirke nötig waren. Ob dies aber in wenigen Tagen noch der Fall sein wird, kann niemand garantieren. „Der Übergang von der individuellen Versorgung des Patienten hin zur Katastrophenmedizin und damit der Triage ist nicht mehr weit entfernt“, befürchtet der Ärztliche Leiter Krankenhaus-Koordination des Rettungsdienstbereiches, Jürgen Königer. Bei einer Triage muss die Behandlung der Patienten priorisiert werden, weil nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, um alle behandeln zu können. Grundlage hierfür ist die individuelle Erfolgsaussicht des Patienten.

Mittlerweile werden verlegungsfähige Patienten, egal ob sie corona-positiv sind oder aus anderen Gründen intensivmedizinisch behandelt werden müssen, mehrere hundert Kilometer verlegt, um vor Ort Intensivbetten frei machen zu können. Die Transportzahlen von Patienten, mit und ohne Covid, steigen aus diesem Grund unentwegt an: Eine große Belastung auch für die Rettungsdienste, da die Mitarbeiter deutlich länger unterwegs sind, damit ein Patient weiter behandelt werden kann. Dies kann nur durch den Einsatz eines weiteren Rettungswagens bewerkstelligt werden, der speziell für Verlegungen vorgehalten und rege genutzt wird.

Die Vorbereitungen für eine sogenannte „Kleeblatt“-Verlegung laufen ebenfalls bereits: Hier werden Patienten – soweit es ihr Gesundheitszustand zulässt – in andere Bundesländer verlegt, damit vor Ort für zeitkritische Notfälle Kapazitäten geschaffen werden können. Denn bei einem Herzinfarkt, Unfall oder Schlaganfall ist jede Minute entscheidend: „In so einem Fall können wir uns nicht leisten, einen Patienten erst hunderte Kilometer in eine aufnahmebereite Klinik zu fahren. Denn so sehr sich Notarzt und Rettungsdienste bemühen – im Rettungswagen ist die notfallmedizinische Versorgung nur in begrenztem Umfang möglich“, erklärt Königer.

Den hohen Belegungsdruck müssen auch die Ärztlichen Leiter der Kliniken bestätigen: In den regionalen Krankenhäusern wurden deshalb bereits alle planbaren Operationen bis auf Weiteres abgesagt, lediglich Notfall-OPs werden durchgeführt. Nur so kann das dringend benötigte ärztliche und pflegerische Personal umverteilt werden, um die bereits hospitalisierten Patienten versorgen zu können. Denn es wird deutlich: In der vierten Corona-Welle müssen auch viele jüngere Menschen aufgrund von Covid-19 intensivmedizinisch versorgt werden. Sie befinden sich grundsätzlich in besserer Verfassung als ältere Personen – deshalb kämpfen sie wochenlang um ihr Leben, bis hoffentlich eine merkliche Besserung eintritt oder die Betroffenen dann leider doch versterben. Doch nicht nur im Intensivbereich – auch auf den Corona-Normalstationen schießen die Patientenzahlen förmlich in die Höhe, was ebenfalls eine enorme Belastung für das Klinikpersonal darstellt. Sie müssen in voller Schutzmontur arbeiten, was auch körperlich enorm fordert.

Diese besorgniserregenden Schilderungen aus den Kliniken sind für die kommunalpolitisch Verantwortliche ein letztes Alarmsignal: „Von der Bundes- oder Landespolitik wurden bisher noch keine Rechtsgrundlagen für Kontaktbeschränkungen geschaffen. Deshalb rufen wir alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, freiwillig ihre Kontakte zu reduzieren, die bekannten Abstands- und Hygieneregeln konsequent einzuhalten und die FFP2-Maskenpflicht zu beachten. Dadurch lassen sich das Ansteckungsrisiko und in der Folge die Neuinfektionen signifikant senken. Und das muss uns nun gemeinsam schnellstens gelingen, um das Schlimmste noch zu verhindern“, betont Landshuts Oberbürgermeister Alexander Putz, denn: „Aus dem aktuell so hohen Infektionsgeschehen resultieren letztlich auch die Menschen, die wenige Tage später auf den Intensivstationen um ihr Leben ringen.“

Diesem Appell schließt sich auch Landrat Peter Dreier an: „Der Bevölkerung wird langsam bewusst, wie ernst die Lage ist. Die Veranstaltungsabsagen mehren sich, die Menschen versuchen wieder, größere Ansammlungen zu vermeiden. Das ist ein erster Schritt. Langfristig kann uns aber nur eine höhere Impfquote und die Auffrischungsimpfung aus dieser schwierigen Situation führen. Die Impfung schützt zwar nicht vor einer Infektion, aber doch mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einer schweren Erkrankung und einer Einlieferung in das Krankenhaus: Und das ist der Sinn der Impfung. Das Angebot ist da – wer es nicht annimmt, braucht sich nicht zu wundern, selbst in diese Lage zu kommen, bei der man dringend auf medizinische Hilfe angewiesen ist“. Der Andrang an den Impfzentren ist aktuell groß – deshalb rät Dreier, sich auch unbedingt bei den Hausärzten, Fachärzten oder Betriebsärzten zu erkundigen: „Denn auch diese können impfen.“

Der negative Trend in der Corona-Lage setzt sich in der Region Landshut fort: 899 Neuinfektionen mit dem Corona-Virus wurden durch das Staatliche Gesundheitsamt Landshut seit Montag erfasst. Deshalb ist es absehbar, dass im Landkreis Landshut die 7-Tages-Inzidenz über die Marke von 1000 steigt. Heute bezifferte das Robert-Koch-Institut diesen Wert noch mit 984,6, in der Stadt Landshut liegt die Wocheninzidenz bei 570,7. Die Neuinfektionen ziehen sich durch alle Gemeinden und Altersschichten. Ganze Familien infizieren sich reihenweise mit dem Virus: Deshalb werden zwangsläufig auch in Betrieben, Betreuungseinrichtungen und Schulen positive Corona-Fälle festgestellt. 

Seit Pandemiebeginn wurde bei 19 018 Bürgerinnen und Bürgern, die ihren Erstwohnsitz in Stadt oder Landkreis Landshut gemeldet haben, eine Infektion mit SARS-CoV2 und seinen Varianten festgestellt. Nach wie vor liegt die Zahl der Todesfälle in diesem Zusammenhang bei 299. Damit sind 2 819 laufende Corona-Infektionen bekannt, 393 mehr als Montag, da seitdem 506 Personen die häusliche Quarantäne verlassen konnten (insgesamt 15 900).  (Stand aller Angaben: 17. November 2021)

Bildunterschrift: Die Rettungsdienste sind in der jetzigen Lage enorm gefordert – denn es werden immer mehr und weitere Transporte nötig, damit die Intensivpatienten versorgt werden können. Gemeinsam mit dem Ärztlichen Leiter Krankenhaus-Koordination, Jürgen Königer (Mitte), haben die Notfallsanitäter Michael Ingerl (links) und Peter Lachmann (rechts) den Transport eines Patienten vorbereitet. 

Foto: Landratsamt Landshut

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