Impfzentrum der Stadt Landshut muss Termine absagen

Impfungen mit AstraZeneca bundesweit ausgesetz

In der laufenden Woche stehen nur 250 Impfdosen von Biontech-Pfizer zur Verfügung – Impfkampagne gerät weiter ins Stocken – Priorisierte Gruppen müssen sich gedulden

Auf Weisung des Bundesgesundheitsministeriums sind Corona-Schutzimpfungen mit dem Vakzin des Herstellers AstraZeneca seit gestern Nachmittag und bis auf Weiteres deutschlandweit ausgesetzt. Das Ministerium folgte damit einer Empfehlung der Wissenschaftler des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Betroffen von dieser Entscheidung ist natürlich auch das Impfzentrum der Stadt Landshut. Dort hätten in dieser Woche insgesamt rund 400 Personen mit dem Vakzin von AstraZeneca erstgeimpft werden sollen. Daraus wird nun natürlich nichts mehr. Ein Großteil der Termine kann zwar noch abgewickelt werden, weil als Ersatz für den Impfstoff von AstraZeneca kurzfristig 250 Dosen des Herstellers BioNTech-Pfizer verwendet werden können, die erst für Donnerstag hätten für andere Impfwillige hätten verplant werden sollen. 70 bis 80 bereits vereinbarte Impfungen müssen dagegen nach dem Stopp von AstraZeneca abgesagt bzw. auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Die Betroffenen werden von Mitarbeitern des Impfzentrums informiert.

Welche langfristigen Auswirkungen ein dauerhaftes Aus für den Impfstoff von AstraZeneca hätte bzw. ob und wie die wegfallenden Impfstofflieferungen dieses Herstellers ersetzt werden können, ist dagegen noch völlig unklar. Hierzu liegen der Stadt Landshut bisher keine Informationen vonseiten des Bundes oder des Freistaats vor. Klar ist aber: Für viele Impfwillige dürfte sich die Wartezeit nochmals verlängern, auch priorisierte Gruppen müssen sich in Geduld üben. Oberbürgermeister Alexander Putz, der bereits am vergangenen Freitag deutliche Kritik am schleppenden Verlauf der Impfkampagne in Deutschland und der mangelhaften Versorgung mit Impfstoff durch EU und Bund geübt hatte, ist über die erneute Hiobsbotschaft entsetzt. „Das bedeutet einen weiteren enttäuschenden Rückschlag und wird höchstwahrscheinlich zu erheblichen Verzögerungen bei der angestrebten Immunisierung der Bevölkerung führen“, sagt der Rathauschef.

In der Tat wäre ein dauerhafter Ausfall von AstraZeneca auf die Schnelle kaum zu kompensieren, so Thomas Schindler, der das städtische Impfzentrum leitet. „Rund zwei Drittel der Impfstoff-Lieferungen stammten zuletzt von AstraZeneca, solche Mengen sind momentan nicht zu ersetzen. Für diese Woche haben wir zum Beispiel insgesamt 650 Dosen erhalten, 400 – also fast zwei Drittel – kommen von AstraZeneca. Einen kleinen Teil davon konnten wir Impfwilligen gestern noch vor dem Beschluss des Gesundheitsministeriums zur Aussetzung der Impfungen mit AstraZeneca verabreichen“, so Schindler. Dass die nun diskutierten, schweren Nebenwirkungen – namentlich Hirnvenenthrombosen – auch bei Impflingen aus der Region aufgetreten wären, sei ihm nicht bekannt. Die übrigen Dosen von AstraZeneca würden nun eingelagert, bis eine endgültige Entscheidung über die künftige Verwendung des Vakzins gefallen ist. Das wiederum sei gut vertretbar, versichert Schindler, denn: „Der Impfstoff von AstraZeneca ist bei Kühlschranktemperaturen rund sechs Monate haltbar.“ Insofern besteht also zunächst keine Gefahr, dass der Impfstoff entsorgt werden muss. Auch hinsichtlich der Zweitimpfungen sind zunächst keine Probleme zu befürchten. „Wer mit AstraZeneca erstgeimpft wurde, ist frühestens in ein paar Wochen zur Zweitimpfung dran. Bis dahin ist also noch viel Zeit, um eine Lösung zu finden“, so Schindler. Wer dagegen mit einem anderen Impfstoff die Erstimmunisierung erhielt, dem wird dieses Vakzin auch bei der zweiten Impfung wieder verabreicht.

Noch mehr Sorgen als die wohl unabwendbaren weiteren Impf-Verzögerungen bereitet OB Putz jedoch die zunehmende Verunsicherung und Resignation in der Bevölkerung. „Dass die Verwendung eines staatlich geprüften Impfstoffs wenige Wochen nach der regulären Zulassung unter Verweis auf möglicherweise schwere Nebenwirkungen von einer Stunde auf die andere ausgesetzt wird, ist ein fatales Signal.“ Ein solcher Schritt sei dazu geeignet, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Zulassungsverfahren von Impfstoffen im Allgemeinen und das Vakzin des betroffenen Herstellers im Besonderen nachhaltig zu erschüttern. „Das hätte vermutlich böse Folgen für die Impfbereitschaft vieler Menschen“, befürchtet Putz. „Deshalb muss eine solche weitreichende Entscheidung wohl überlegt sein. Ich gehe davon aus, dass sich die Verantwortlichen der Tragweite ihres Vorgehens bewusst sind und auch schon eine Idee haben, wie wir gemeinsam verlorengegangenes Vertrauen wieder herstellen können. Darauf wird es in den nächsten Tagen nämlich ankommen.“

Darüber, ob es medizinisch nötig war, die Impfungen mit AstraZeneca sofort auszusetzen, könne er kein Urteil abgeben, sagt Putz. „Das bleibt originäre Aufgabe der Ärzte und Wissenschaftler.“ Allerdings seien nach seinem Kenntnisstand bisher bei mehr als 1,6 Millionen Impfungen nur sieben Fälle von Thrombosen gemeldet worden. „Wenn das stimmt, erscheint mir das Risiko einer solchen schweren Nebenwirkung bei einer Impfung mit AstraZeneca im vertretbaren Rahmen zu liegen: Es läge dann bei unter 1:200.000. Ich würde dieses Risiko persönlich auf jeden Fall eingehen“, betont der Oberbürgermeister. „Wenn das Vakzin wieder verwendet werden darf, würde ich mich deswegen auch jederzeit damit impfen lassen.“

Dem Vorschlag von Ministerpräsident Markus Söder, den Impfstoff von AstraZeneca nach der Wiederaufnahme der Impfungen für möglichst alle Bevölkerungsschichten freizugeben, schließt sich Putz weitgehend an. „Wir müssen uns nichts vormachen: Dieses Vakzin wird sein Imageproblem in Deutschland wohl leider so schnell nicht mehr los. Deswegen sollten wir bei der Verimpfung nicht mehr auf Zuteilung, sondern auf Freiwilligkeit setzen. Und dafür sollten wir diesen Impfstoff künftig zumindest innerhalb der drei Prioritätsgruppen frei verwenden dürfen. Ich bin sicher, dass dann problemlos genügend Impfwillige gefunden werden – zumal die Wirksamkeit des Impfstoffs ja nach wie vor nicht in Frage steht.“

– JV –

Bildquelle: Stadt Landshut

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