„La langue vit“ – Ein Landshuter Poet in Paris

„Es ist leider schon eine halbe Ewigkeit her, dass ich in Paris war.“

Damals, in den besten Jahren, fit, voll Unternehmungsgeist und neugierig. Es war im Quartier Latin, ich saß in einer kleinen Bar, bei einem Glas Muscadet, da kam ein dunkelhäutiger Mann an meinen Tisch und bat mich um eine Zigarette. Ich suchte meine paar Worte Schulfranzösisch zusammen und antwortete: „Je ne fume pas, mais je voudrais t’inviter pour un verre de vin.“ „Tu parles français, merveilleux!“ „Juste quelques mots malheureusement, je préférerais l’anglais.“ „O,K, let’s speak english.“

Das war nun für jeden von uns beiden eine Fremdsprache und so bewegten wir uns auf einem etwa gleichen Level, ziemlich unten, aber wenigstens ausgeglichen. Wir redeten über Gott und die Welt, die Zeit verrann, aber hier geht es die Nacht durch. Ich war schon längst von Gläser- auf Flaschenbestellung übergegangen. Ich glaubte, dass es nützlich sei eine Kleinigkeit zu essen, das wäre dem Befinden sicher zuträglich. Leider gab es nichts, was mein Gegenüber zu der Bemerkung veranlasste, dass der Mensch ja nicht allein vom Brot lebe, es gäbe auch noch andere Dinge.

„Das wären?“ fragte ich und da fing er ein regelrechtes Plädoyer an. Er redete über Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft und Forschung und und.. Wie konnte ein Mensch, den ich für einen Clochard hielt, nur soviel wissen. Ich fragte.  Er sei eigentlich Philosoph und Professor an der Sorbonne, aber unglückliche Umstände hätten ihn in eine schwierige Lage gebracht, kein Geld, obdachlos usw. Ich bestellte eine neue Flasche, inzwischen Roten. Er hätte da einen Tip für mich, etwas Einmaliges. In der Rue de Petit Pont, gäbe es ein Lokal, da solle ich unbedingt einkehren, eine Überraschung, mehr wolle er nicht verraten.

Inzwischen war draußen schon die Morgendämmerung angebrochen. Ich zahlte, auf der Straße duftete es nach frischem Baguette. In einer nahen Creperie aßen wir eine Kleinigkeit und verabschiedeten uns. Er erinnerte mich nochmals eindringlich an die Rue de Petit Pont. Ich steckte ihm noch einige Franc in die Manteltasche und dann: „ Au revoir!“

Ich nahm ein Taxi und ließ mich zu meinem Hotel fahren. Schon toll, da wundert sich niemand, wenn man erst um diese Zeit heimkommt. Ich hing das „Do not disturb“ an die Tür und verfiel sofort in tiefen Schlaf, Schlaftrunk hatte ich ja genug.

Irgendwann am Nachmittag wurde ich wach und ich fragte mich, ob ich diese Geschichte nur geträumt hatte oder ob sie stimmte, auf alle Fälle beschloss ich in die Rue de Petit Pont zu gehen um dieses Lokal aufzusuchen. Wie hieß es denn gleich? „La langue vit“, ja richtig, ich lass mich überraschen.

Es wurde Abend, ich nahm die Metro und dann ein Stück zu Fuß in die Rue de Petit Pont und tatsächlich, dieses Lokal gab es. Ich trat ein und ließ mir einen Platz an einem kleinen Tisch anweisen. Ich war nicht der einzige Gast, aber es war noch ziemlich leer im Lokal, um diese Uhrzeit in Frankreich aber nichts Besonderes.

Ich hatte schon etwas Hunger, also nahm ich mir die Speisekarte und, was war das? Was stand denn da? Hatte ich schon das richtige Papier? Ja, kein Zweifel, es war die Speisekarte, aber was stand da? ( Ich übersetze, soweit ich kann)

 Menu du jour

Adjektiv nach Ihrer Wahl

ein Süppchen von diversen Pronomen

fein gebratene Nomen, dazu ein Salat von

frisch geernteten Präpositionen

Dessert

Konjugierte Verben nach Art des Hauses

Als Getränk empfehlen wir Ihnen einen ausgesuchten Anapäst

  Ce soir

Konjunktiv, eisgekühlt

Daktylus, gemischt mit Präpositionen

Plusquamperfekt interpunktiert mit ausgesuchten Artikeln

Substantivierte Interjektionen

Jambus im Perfekt

Dessert

Kadenz a la Konjunktiv

Dazu empfehlen wir einen eleganten Trochäus aus dem Präteritum

Ich will es mit der Aufzählung dabei belassen, es führte zu weit. Eines muss ich aber unbedingt noch anmerken:
Es waren keine Preise angeführt und, das Beste, zu allen Gerichten gab es das Rezept kostenlos dazu. Ich habe noch welche im Kopf und ich bediene mich ihrer auch so ab und zu.

Erst jetzt fiel mir auf, dass die Tische zwar wunderbar gedeckt waren, aber dass alle Gäste vor leeren Tellern saßen. Ich bestellte etwas, der Ober kam und servierte — einen leeren Teller.

Ich fragte was das denn auf sich hätte.  Der Ober erklärte mir, mit Nachsicht in der Stimme, dass

es sich um geistige Nahrung handele und die läge auch vor mir, wie gewünscht.

Ich bedankte mich, legte ein paar Franc Trinkgeld auf den Tisch und ging. Mir war die Sache nicht mehr ganz geheuer, hatte ich gestern doch zu viel getrunken?

Nächsten Morgen ging ich ziemlich früh nochmal in die Rue de Petit Pont, ich mußte Gewissheit haben. Wie sehr ich mich aber auch bemühte, ich konnte das Lokal nicht finden.

Alles nur Einbildung? Ich glaube nicht, denn immer, wenn ich so dichte, kommen mir Dinge aus diesen Rezepten in den Sinn.

Dieter Englisch                                           

Foto: Englisch priv.

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