Wir brauchen eine nachhaltige Evolution im Bauwesen

Die Ortsgruppe Landshut der Architects for Future engagiert sich für mehrgleisige Maßnahmen zum Erreichen der Klimaziele

 

Oberflächlich kann für Otto Normalbürger der Eindruck entstehen, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat in Sachen nachhaltigem Bauen: Ressourcenschonende Bauweisen mit ökologischen Materialien und innovativen Energiekonzepten sind in aller Munde. Demgegenüber stehen ernüchternde Fakten: Der Bau verursacht 40 % der deutschen CO2Emissionen, 50 % des europäischen Ressourcenverbrauchs und fast 60 % des Abfallaufkommens. Mit der Gründung der Landshuter Ortsgruppe 

Architects for future (A4F) und deren Kooperation mit dem AK KoBi (Konfliktvorbeugung und integrative Baukultur, AK 6 der DGA-Bau Deutsche Gesellschaft für Außergerichtliche Streitbeilegung im Bauwesen e. V.) hat sich im letzten Herbst eine Gruppe von Bauexperten zusammengefunden, die dieser erschreckenden Situation aktiv entgegenwirken will. 

 

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„Es ist höchste Zeit zu handeln und die notwendige Transformation der Baubranche mit wirksamen Maßnahmen voranzutreiben“, sagt Lennart Schäfers, Mitgründer der A4F-Ortsgruppe Landshut. Dem jungen Architekten liegen die Themen Nachhaltigkeit, Lebenszyklusplanung von Bauwerken sowie Reduktion der Umweltbelastung besonders am Herzen. Auch deshalb arbeitet er in einem großen Generalplanungsbüro, das sich seit Langem mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt und unter anderem eine Softwarelösung zur Erfassung von Grauer Energie entwickelt. Damit ist die nicht erneuerbare Primärenergie für den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks von der Herstellung bis zur Entsorgung gemeint. „Solche Programme sind ein Schritt in die richtige Richtung und ein nützlicher Beitrag zum Klimaschutz“, so Lennart Schäfers. „Bei A4F betrachten wir das Thema Klimaschutz im Bauwesen natürlich disziplinübergreifend aus den Blickwinkeln von Forschung und Lehre, Planungswesen und Bauherrentum.“

„In unserer Arbeitsgemeinschaft Klimabarometer Bau priorisieren wir zunächst drei Themenbereiche, in denen sofortiger Handlungsbedarf besteht“, erläutert Dieter Grömling, ebenfalls Mitgründer der Landshuter A4F, seit 2014 Initiator des AK KoBi und langjähriger Chef der Bauabteilung bei der Max-Planck-Gesellschaft. Mit Schäfers leitet und moderiert er die „AG Klimabarometer Bau“ und koordiniert die Aktivitäten mit verschiedenen Kooperationspartnern. Der Gruppe gehören mit Dr. Hermine vom Baustammtisch München, einem Zusammenschluss der Münchner Architects for Future mit der Cradle to Cradle Ortsgruppe, sowie Dipl.-Ing. Christian Langfeld, dem Leiter der Abteilung Forschungsbau bei der FraunhoferGesellschaft, weitere ausgewiesene Experten an.

Die Schwerpunktthemen

Ein Kernziel ist die Etablierung einer „Phase 0“ in der bestehenden DIN 18205. Diese Norm regelt die Bedarfsplanung im Bauwesen in sechs definierten Prozessschritten (01 – 06) und schafft so eine Sollvorgabe, die für alle Planungsbeteiligten bindend ist. Nachhaltige Bauweise in all ihren Facetten spielt in diesem Modell kaum eine Rolle oder wird erst zu einem viel späteren Zeitpunkt eingebunden. Die AG Klimabarometer Bau strebt an, jedem Planungsprozess eine Phase 0 voranzustellen, welche die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele vor den eigentlichen Projektstart stellt. Das bedeutet de facto: Der gesamte Lebenszyklus eines Projekts wird vom Ende zum Anfang mit allen Klimafolgen durchgedacht, bevor es in die konkrete Planung und Realisierung geht.

Beim zweiten Thema konzentriert sich die Landshuter Arbeitsgruppe auf die gesetzlichen Vorgaben für öffentliche Bauherren. Damit von Auftraggeberseite her künftig nachhaltig gebaut werden kann, müssen die Klimaschutzziele im Haushaltsgrundsätzegesetz (HGrG §6) und der Bundeshaushaltsordnung (BHO7) verbindlich verankert werden. Diese Maßnahme würde sowohl das Nachhaltigkeitsbewusstsein manifestieren als auch Rechtssicherheit für öffentliche Bauherren gegeben.

Drittens wird zur Umsetzung der Klimaschutzziele im Bau mittel- und langfristig dringend fachkundiges Personal benötigt, das in der Lage ist, die Auswirkungen des Bauens auf Umwelt und Klima ganzheitlich zu beurteilen. Solche Fachleute gibt es allerdings derzeit kaum. Doch in diesem wichtigen Feld der Aus- undFortbildung sind bereits konkrete Ergebnisse in Sicht. Hier kommen die Hochschule Landshut und die Technische Hochschule Deggendorf als Kooperationspartner ins Spiel. Dank des Engagements von Prof. Dr. Sven Roeren startet am 5. April 2022 von 16:30 – 19:00 Uhr die erste KoBi-Ringvorlesung „Klimaziele Bau erreichen“. Die Veranstaltung findet in der Fahrzeuglaborhalle F0 24 sowie online statt, weitere Vorlesungen sind am 17. Mai und am 28. Juni 2022 geplant. KoBi diskutiert als unabhängiger, interdisziplinärer und generationenübergreifender Marktplatz für Baubeteiligte verschiedene Themen und Beispiele aus der Praxis. Ein Curriculum und ein Ausbildungskonzept „Klimabaumeister“ (Arbeitstitel) sollen erarbeitet werden.

Vorreiter für Klimaschutzziele im Bauwesen

Trotz der Kürze ihres Bestehens hat die Kooperation der Landshuter A4F-Gruppe mit KoBi bereits einiges auf den Weg gebracht. Ein besonderes Kernthema von A4F ist die Ökobilanzierung vor dem Baustart auf allen beteiligten Ebenen.

Insgesamt wird angestrebt, das bundesweite Netzwerk KoBi um einen Schwerpunkt in der Region Niederbayern zu erweitern, Architekten und Ingenieure, Forschung und Lehre sowie Politik und Bauherren für den nachhaltigen Klimaschutz im Bauwesen zu sensibilisieren und interdisziplinär zusammenzubringen. Es muss dabei sowohl um „Klimaziele“ als auch um ein „zukunftsorientiertes Geschäftsmodell“ gehen. Nur beides zusammen kann erfolgreich sein.

Für diese Mammutaufgabe sind weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter willkommen. Wer an der Ringvorlesung am 5. April 2022 teilnehmen oder aktiv mitarbeiten möchte, kann gerne Kontakt über A4F.Landshut@gmail.com aufnehmen.

 

Foto: h.j.lodermeier

 

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