Eine Erstausgabe des Codex Maximilianeus von 1616 kehrt zurück in die wissenschaftliche Bibliothek des Prämonstratenser-Chorherrenstifts Schlägl
Dem Stadtarchiv ist ein außergewöhnlicher Fund gelungen – eine Erstausgabe des Codex Maximilianeus von 1616. Entwendet wurde sie vermutlich vor rund 60 Jahren aus der wissenschaftlichen Bibliothek des Prämonstratenser-Chorherrenstifts Schlägl in Aigen-Schlägl im oberösterreichischen Mühlviertel. Am Montag hat Prior Dr. Petrus Bayer (OPraem) zusammen mit seinem Mitbruder Magister Vitus Glira (OPraem) das verlorengegangene Buch der Stiftsbibliothek in Empfang genommen. Bei dem im Stadtarchiv wiedergefundenen Band handelt es sich um das Bayerische Landrecht von 1616, eines der bedeutendsten Gesetzgebungswerke des Alten Reichs, das das gesamte bürgerliche und öffentliche Recht für Ober- und Niederbayern zusammenfasste und 150 Jahre lang Gültigkeit besaß.
Benannt ist die Zusammenstellung nach dem Wittelsbacher Herzog und seit 1623 Kurfürsten Maximilian von Bayern (1573 bis 1651), einem der einflussreichsten Territorialfürsten seiner Zeit. Maximilian legte erstmalig eine umfangreiche Kodifikation des geltenden und nun stärker römisch-rechtlich geprägten Landesrechts vor und leitete damit eine neue Epoche der Rechtsentwicklung in Bayern ein. Enthalten sind neben Landrecht, Prozessordnungen und einer Gerichtsordnung eine Land- und Polizeiordnung (mit Fischordnung), eine Forstordnung und eine Jagdordnung.
Die Stiftsbibliothek Schlägl erwarb den Band vermutlich im Zusammenhang mit der Verpfändung des Landes ob der Enns (heute: Oberösterreich) von 1620 bis 1628 an Bayern. Für Prior Petrus Bayer, dem heute verantwortlichen Bibliothekar, wirft das Verschwinden des Bandes einige Fragen auf. Dadurch dass der Band im Bibliotheksregal in der zweiten Reihe seinen Platz hatte, ist sein Fehlen nie aufgefallen. Der Prior kann nur mutmaßen: „Möglicherweise kam er Ende der 1960er Jahre abhanden, damals kam es zu einem Raub mehrerer wertvoller Bücher aus unserer Bibliothek, allerdings ist dieses nicht unter den damals geraubten Büchern vermerkt. Da unsere Stiftsbibliothek seit Jahrzehnten mit einer Alarmanlage ausgestattet ist, ist es jedenfalls wahrscheinlich, dass die Entwendung schon länger zurückliegt. Es ist jedenfalls ziemlich rätselhaft.“
In den 1960er/1970er Jahren war es in zahlreichen Bibliotheken und Archiven noch üblich, Bücher aus dem alten Buchbestand oder Archivalien auf Nutzerwunsch nach Hause auszuleihen. So manche bibliophile Rarität oder historischer Akt fand dann seinen Weg nicht mehr zurück an den angestammten Standort, tauchte in Nachlässen oder Antiquariaten und Auktionshäusern wieder auf. So auch in diesem Fall in einem Nachlass im Stadtarchiv. Die sogenannte „Provenienzforschung“ ist Aufgabe einer jeden Institution, die Kulturgut verwahrt. Allgemein bekannt ist sie heute vor allem in Bezug auf NS-Raubgut. Im Landshuter Stadtarchiv nahm Stadtarchivarin Dr. Susanne Wolf die Spur auf, als ihr der Besitzstempel „Bibliotheca Plagensis“ mit den überkreuzten Schlägeln auffiel. Und zusammen mit dem handschriftliche Besitzvermerk von 1670, dass der Band der Kirche der seligen Jungfrau Maria in Schlägl gehört, war der Fall eindeutig.
Zur Freude aller kehrt der Band an seinen ursprünglichen Standort zurück, in ein lebendiges in die Region ausstrahlendes Prämonstratenserstift, das genauso für innere Einkehr und spirituelles Leben steht wie für die vielfältigen kulturellen und kulinarischen Angebote eines modernen Wirtschaftsbetriebes. Das Kloster besitzt eine renommierte wissenschaftliche Bibliothek mit rund 100.000 Bänden. Davon sind 28.000 Werke bis 1900 erschienen, 177 Titel sind Inkunabeln, 560 Titel stammen aus dem 16. Jahrhundert, 2520 aus dem 17. Jahrhundert, 9520 aus dem 18. Jahrhundert und 15.400 aus dem 19. Jahrhundert.
Bleibt noch die Frage nach dem heutigen Wert, der vor allem aber ein ideeller ist. 1995 wurde ein vergleichbares Exemplar im Antiquariatshandel für 7850 DM angeboten.
Fotos:
Siehe jeweiligen Vermerk
Bildtexte:
BU 1: Titelbild
Der Stiftsbibliothekar Prior Dr. Petrus Bayer (OPraem) bei der Arbeit. Foto: Prämonstratenser-Chorherrenstift Schlägl

BU 2:
Die prachtvolle Stiftsbibliothek aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Foto: Prämonstratenser-Chorherrenstift Schlägl

BU 3:
Titelblatt mit herzoglich-bayerischem Wappen zum zweiten von neun Teilen des Codex Maximilianeus von 1616, hier zum Gantprozess. Die Vorschrift regelte die Vorgehensweise bei Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners. Im bairischen Dialekt ist der Ausdruck „auf die Gant kommen“ noch geläufig. Foto: Alexander Langkals, Stadtarchiv Landshut

BU 4:
In der Fischordnung ist unter anderem das Mindestmaß, ab dem die Entnahme der einzelnen Fischarten erfolgen darf, festlegt. Dabei war die Größe der Zeichnung der Fische wie von Äsche, Huchen, Barbel/Barbe oder Flusskrebs (heute stark gefährdet!) das Maß, an dem man sich 1:1 zu orientieren hatte. Foto: Alexander Langkals, Stadtarchiv Landshut

BU 5:
Dr. Susanne Wolf (von rechts) zusammen mit Prior Dr. Petrus Bayer (OPraem) und Magister Vitus Glira (OPraem) bei der Übergabe. Foto: Stadt Landshut